Humor als Verteidigungsstrategie
Man kann nicht verhindern, dass einem das Leben gelegentlich die Würde nimmt. Aber man kann entscheiden, ob es auch die Pointe bekommt.
Nach einer langen Beziehung lernt man erstaunlich viele Dinge neu. Allein schlafen. Allein entscheiden. Allein am Sonntagmorgen Kaffee trinken, ohne dass jemand fragt, was man heute noch vorhat. Und irgendwann auch: über Dinge lachen, die ein paar Monate vorher noch zuverlässig einen mittelschweren emotionalen Zusammenbruch ausgelöst hätten. Humor war für mich dabei nie Dekoration. Eher eine Art innerer Notausgang. Nicht, weil plötzlich alles lustig gewesen wäre. War es nicht. Manche Dinge waren traurig. Manche verletzend. Manche schlicht beschissen. Aber irgendwann entsteht dieser kleine Abstand zwischen dem, was einem passiert, und der Geschichte, die man sich darüber erzählt. Und in diesen Abstand passt erstaunlich viel. Eine Pointe zum Beispiel. Vielleicht ist das überhaupt eine der unterschätztesten Fähigkeiten des Humors: Er macht Dinge kleiner, ohne sie kleinzureden. Ich kann sagen: Das hat wehgetan. Und gleichzeitig feststellen, dass ein erwachsener Mann, der drei Tage nicht antwortet, weil er „gerade sehr bei sich sein muss“, objektiv ein gewisses komisches Potenzial besitzt. Beides kann gleichzeitig wahr sein. Gerade beim Dating hilft das enorm. Diese Welt produziert Situationen, die sich gelegentlich lesen, als hätte jemand eine romantische Komödie geschrieben und kurz vor Drehbeginn beschlossen, sämtliche romantischen Szenen zu streichen. Es gibt Momente, da ist Humor keine Flucht vor der Realität. Im Gegenteil. Manchmal liegt zwischen Drama und Komödie offenbar nur ein bisschen Abstand.
Aus „Warum passiert mir das?“ wird irgendwann „Das kann doch nicht sein Ernst sein.“ Der Sachverhalt ist derselbe. Nur die Position hat sich verändert. Dazu gehört allerdings auch, über sich selbst lachen zu können. Über Nachrichten, die man besser nicht geschickt hätte. Über Zeichen, die man mit bemerkenswerter Kreativität übersehen hat. Über die eigene Fähigkeit, aus drei freundlichen WhatsApp-Nachrichten eine charakterliche Langzeitprognose abzuleiten. Natürlich bedeutet ein Punkt am Ende einer Nachricht nichts. Außer, man ist verliebt. Dann bedeutet alles etwas. Vielleicht ist Humor deshalb auch ein Gegenmittel gegen die eigene Wichtigkeit. Nicht gegen Selbstachtung. Aber gegen die Vorstellung, jede Begegnung müsse etwas bedeuten, jede Enttäuschung etwas über den eigenen Wert aussagen und jedes Ende eine Erklärung haben. Manchmal war es einfach ein schlechtes Date. Manchmal passte es nicht. Manchmal war jemand ein Idiot. Und manchmal war ich es vermutlich selbst. Auch das überlebt man.
Humor verhindert nicht, dass etwas weh tut. Er macht aus einer schlechten Erfahrung keine gute. Aber irgendwann kann aus Kränkung eine Anekdote werden. Aus Wut ein ziemlich guter Satz. Und aus einer Situation, in der man sich einmal vollkommen lächerlich vorkam, genau die Geschichte, über die man Jahre später beim Abendessen am lautesten lacht. Vielleicht ist Humor deshalb keine Rüstung. Vielleicht ist er Beweglichkeit. Die Freiheit, einer Erfahrung nicht für immer in derselben Haltung gegenüberstehen zu müssen. Man kann nicht verhindern, dass einem das Leben gelegentlich die Würde nimmt. Aber die Pointe muss man ihm deshalb noch lange nicht überlassen.
Frage: Ist Humor vielleicht die Fähigkeit, zwei Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten – dass etwas wehtut und trotzdem komisch sein kann?
